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Aus urchristlicher Sicht - Nachrichten und Kommentare zum Tagesgeschehen

Gericht schützt Verbraucher vor der Wahrheit


Ein Teil unserer Leserinnen und Leser wird sich vielleicht erinnern, dass vor einiger Zeit ein Aufsehen erregender Werbespot im Deutschen Fernsehen kurz vor den Abend-Nachrichten zu sehen war.

Zunächst die Aufforderung: »Schau mir in die Augen!« Dahinter zeigte sich der Kopf eines Rindes, zunächst klar und dann plötzlich blutüberströmt. Schließlich erschien ein Stück Fleisch auf dem Teller. Messer und Gabel lagen bereit. Die selbe Verwandlung vollzog sich bei einem Schwein und bei einem Schaf, und jeweils am Schluss wurde der Schriftzug eingeblendet »Vegetarisch essen – Fleisch vergessen«. Das war schockierend und manchen blieb das Fleisch im Hals stecken.

Solcher Klartext gefiel jenen Zeitgenossen nicht, die ihre Fleischsucht nicht einschränken oder gar ganz darauf verzichten wollen. Sie empfanden die Vorgeschichte ihres Steaks und ihres Lammbratens als zu blutig. Und es fand sich ein Verein mit dem bezeichnenden Namen Verein gegen das Unwesen in Handel und Gewerbe, der gegen diese Werbung klagte. Begründung: Die Werbung sei darauf angelegt, »die Empfindungen von Tierfreunden auszunutzen, damit sie sich von Fleischprodukten abwenden und vegetarischen Produkten zuwenden«. Außerdem würden durch die Werbung die Metzger und Schlächter als grausame Tierquäler diffamiert, die »Schlachttiere in der dargestellten Weise abschlachten würden, um sie dann portionsweise auf Teller zu füllen«.

Nun traten die Juristen wieder einmal auf den Plan und fällten ein Urteil von exemplarischer Bedeutung – exemplarisch für den Zustand unserer Gesellschaft und unserer Kultur bzw. Unkultur. Die Richter stellten nämlich fest, die Werbung gefährde den Wettbewerb, »weil sie die Entschließungsfreiheit der Kunden in massiver Weise beeinträchtigt und die Konkurrenzprodukte pauschal herabsetzt«. Und diesen Effekt erreiche die Werbung durch die Aufforderung »Schau mir in die Augen«, die auf das Kopfbild eines Tieres trifft, wodurch »eine starke suggestive Wirkung« erzielt werde. Denn das Tier wurde auf diese Weise »auf die gleiche geschöpfliche Ebene gehoben wie der Betrachter«. Dieser werde hierdurch »entwaffnet« und anschließend schutzlos dem Schock ausgesetzt, dass der Kopf des ihn ansehenden Tieres hinter Strömen von Blut verschwindet. Diese Darstellung, so stellte das Gericht schließlich fest, enthalte eine »pauschale Diskriminierung der Hersteller von Fleischprodukten und ihrer Erzeugnisse«. Die Werbung, so schließt das Gericht, habe »beträchtliches Aufsehen erregt. Dies haben die Mitglieder des Gerichts in persönlichen Gesprächen erfahren.«

Vielleicht wird dieses Urteil eines Tages, wenn diese Zivilisation längst untergegangen ist, einmal irgendwo ausgegraben und als Beispiel einer besonders steinzeitlichen und abschreckenden Moral den Jugendlichen einer friedfertigeren Kultur vorgelesen. Man wird ihnen sagen: Stellt euch vor, die Menschen von damals wagten es nicht, den Tieren in die Augen zu schauen, weil sie Angst hatten, sie würden dadurch entwaffnet, es würde sich ihr Gewissen regen und sie würden von ihrem Blutrausch Abstand nehmen. Sie sahen zwar ihre Haustiere an und liebkosten sie wie ihre Lebenspartner, doch gegenüber den Opfern ihrer Fleischsucht verwahrten sie sich dagegen, ihre Mitgeschöpfe als Partner zu behandeln.

Es soll hier nicht mit dem Finger auf einige Richter gedeutet werden. Das Urteil ist Ausdruck des überwiegenden Bewusstseins unserer Zeitgenossen. Und wer von uns könnte sagen, er habe nicht lange, allzu lange im selben Bewusstsein gelebt? Es handelt sich wieder um einen typischen Fall, wie das Gewissen und die Ethik durch die Tradition verdrängt werden. Wenn man Fleisch isst, schaut man lieber gar nicht hin, was man damit anrichtet. Dabei müsste sich jeder verantwortliche Mensch sagen: Um mich entscheiden zu können, ob ich es den Tieren zumute, von mir verspeist zu werden, muss ich erst einmal sehen, wie es ihnen geht auf dem Weg zu meinem Teller. Es ist ein Zeichen äußerst schlechten Gewissens, wenn wir das Leid der Tiere ausblenden wollen, um nicht abwägen zu müssen. Der Mensch, der auf seine Menschenwürde so großen Wert legt, ist zu feig, um sein würdeloses Verhalten noch anzuschauen. Doch der Tag wird kommen, von dem Leonardo da Vinci sprach: »...der Tag, an dem die Menschen über die Tötung eines Tieres genauso urteilen werden, wie sie heute die eines Menschen beurteilen. Es wird die Zeit kommen, in welcher wir das Essen von Tieren ebenso verurteilen, wie wir heute das Essen von unseresgleichen, die Menschenfresserei, verurteilen.«

Und der griechische Philosoph Plutarch sagte: »Für ein kleines Stückchen Fleisch nehmen wir den Tieren die Seele sowie Sonnenlicht und Lebenszeit, wozu sie doch entstanden und von Natur aus da sind.« Und die Urchristen im Universellen Leben sagen: Was Augen hat, essen verantwortungsbewusste Menschen nicht. (cs)

aus der Zeitschrift 
»Das Friedensreich«

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